Viele Schweizer sympathisierten anfangs mit dem US-Präsidenten und bewunderten seine harte Gangart, etwa im Umgang mit Migranten. Doch als Trump am „Tag der Befreiung“ Anfang April eine Grafik mit seinen Zollplänen präsentierte, fand sich die Schweiz darauf mit einem saftigen Zoll von 31 Prozent wieder.

Die Schweizer hatten lange auf eine Verhandlungslösung gehofft. Aber nach einem verpatzten Telefonat mit Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter verhängte Trump einen Zoll von 39 Prozent gegen die Schweiz.

Letzte Woche, nach monatelangem Hin und Her, verkündete Bern einen Deal: Die US-Zölle auf Importe aus der Schweiz würden von 39 auf 15 Prozent gesenkt – und zwar „so schnell wie möglich“.

Das kam zustande, nachdem eine kleine Gruppe von Wirtschaftsführern, die in Washington antichambriert hatten, dem US-Präsidenten einen gravierten Goldbarren, eine Rolex-Uhr, die Zusage über 200 Milliarden US-Dollar an Schweizer Investitionen in den USA und das Versprechen überreichten, Goldveredelung, Flugzeugkäufe und Teile der Lieferketten auf amerikanischen Boden zu verlagern.

Der Handelsforscher Manfred Elsig spricht im SPIEGEL von einem „Kniefall“ – und die NZZ am Sonntag rekonstruiert, wie dieses inoffizielle „Team Switzerland“ die klassische Diplomatie vorübergehend abgelöst hat.


Ist jetzt jeder CEO ein Diplomat?

Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Netflix-Story: ein paar Milliardäre mit Goldbarren im Oval Office. Schnell entsteht der Reflex: „Das betrifft doch nur das eine Prozent – nicht mich.“

Genau hier liegt das Risiko.

Denn nach den jüngsten Entwicklungen folgt die Macht nicht mehr sauber dem Organigramm. Wenn traditionelle Kanäle versagen, improvisieren Regierungen. Und immer öfter rufen sie CEOs an – nicht nur Milliardäre.

Das kann ein Telefonat aus einem Bundesamt sein, eine dringende Bitte aus einem Kanton, Druck von Regulatoren oder Aufsichtsbehörden, oder eine ausländische Regierung, die „kurzfristig sprechen“ will.

Sie werden vermutlich nie mit einem Goldbarren nach Washington fliegen. Aber wenn Ihre Branche oder Ihr Unternehmen vor einer existenziellen Bedrohung steht – Strafzölle, Lieferketten, Regulatorik, Skandal – und jemand „von Macht zu Macht“ sprechen muss, dann rufen sie nicht zuerst den Lobbyisten an.

Sie rufen Sie an.

Die Schweizer Wirtschaftsführer haben sich diese Rolle nicht ausgesucht. Aber als der Anruf kam, waren sie handlungsfähig. Und Sie sollten es auch sein – auch wenn Ihr „Oval Office“ ein Ministerium in Bern, eine EU-Generaldirektion, ein kantonales Departement oder eine Aufsichtsbehörde in Frankfurt ist.


Was Sie jetzt tun müssen

1. Akzeptieren Sie, dass Ihr Verhandlungstisch politisch ist.

Sobald Sie mit ausländischen Unternehmen, Regierungen oder Regulatoren sprechen, vertreten Sie nicht mehr nur Ihre Aktionäre. Sie tragen die Interessen Ihrer Mitarbeitenden, Ihrer Branche – und oft den Ruf Ihres Landes mit am Tisch. Auch wenn Sie nicht im Bundesrat sitzen, werden Sie in der Krise wie ein Minister behandelt.

2. Bauen Sie ein Krisenteam, das mehr kann als PowerPoint.

Sie brauchen Menschen, die Geopolitik und Regulatorik verstehen – nicht nur Märkte und Margen. Wenn morgen ein Staatssekretär anruft und Sie bittet, nach Brüssel oder Berlin zu fliegen, sollten Sie Berater:innen haben, die sowohl die geschäftlichen als auch die diplomatischen Implikationen erkennen.

3. Klären Sie Ihre Grenzen, bevor Sie im Raum sind.

Im Fall der Schweiz wurden in Washington massive Zusagen in Aussicht gestellt: Investitionen, agrarische Zugeständnisse, mögliche Rüstungsgeschäfte. Fragen Sie sich:

  • Was darf ich zusagen – allein kraft meines Mandats?
  • Wo brauche ich zwingend Verwaltungsrat, Eigentümer, Politik oder sogar das Parlament?
  • Welche „Deal-Elemente“ wären für meine Legitimität zuhause toxisch?

4. Dokumentieren Sie alles – auf diplomatischem Niveau.

Im Schweizer Fall erfuhren Parlamentarier Details des Deals aus den Medien. So verliert man Vertrauen. Wenn Sie als „Schatten-Diplomat:in“ agieren, brauchen Sie:

  • saubere Gesprächsprotokolle,
  • klare schriftliche Mandate,
  • eine Kommunikationslinie, die Sie intern wie extern vertreten können.

5. Verstehen Sie die Macht symbolischer Gesten.

An den Goldbarren wird man sich länger erinnern als an jede Fußnote im Handelsabkommen – ob man das gut findet oder nicht. Was Sie mitbringen, wie Sie auftreten, welche Botschaft Sie verkörpern, kann eine Dynamik auslösen, die weit über den Verhandlungstisch hinausreicht.

  • Kommen Sie als „Bittsteller“, als „Technokrat“ oder als jemand, der Verantwortung übernimmt?
  • Transportiert Ihr Auftritt Souveränität oder Abhängigkeit?
  • Verkörpern Sie kurzfristige Schadensbegrenzung oder eine glaubwürdige langfristige Partnerschaft?

Symbolik ist kein Soft-Faktor mehr. Aber sie ist auch kein Spielzeug. Wer sie einsetzt, muss wissen, welche Erwartungen und welche Risiken er damit erzeugt.


Und was ist mit Ihnen?

Die Führungskräfte, die diesen Wandel verstehen, werden ihre Organisation durch die nächste Welle von Handelskonflikten, Sanktionsregimen und politischen Shitstorms steuern können.

Diejenigen, die so tun, als seien Geschäft und Geopolitik weiterhin sauber getrennt, werden überrumpelt – nicht erst, wenn ein Präsident anruft, sondern wenn:

  • ein Lieferant in einem Sanktionsland wegbricht,
  • eine NGO Ihre Branche ins Visier nimmt,
  • oder ein Minister in der Sonntagspresse Ihre Firma namentlich erwähnt.

Es geht nicht darum, ob Sie diese Verantwortung wollen. Es geht darum, ob Sie vorbereitet sind, wenn Ihr Land, Ihre Branche oder Ihre Mitarbeitenden jemanden brauchen, der einen Deal abschließen kann – und nicht nur ein Kommuniqué entwirft.


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Clifftide’s Time beleuchtet das Spannungsfeld zwischen Krise, Kommunikation und diplomatischem Druck. Verfasst von Jeannette Nagy, die seit über zwanzig Jahren Vorstände und Führungsteams auf drei Kontinenten durch Krisen begleitet.

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Kontakt: jeannette.nagy@clifftide.com für Clifftide’s Krisenbereitschafts-Briefing.

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